Blogbeitrag  KI und Religion: Wenn Technik zur „künstlichen Religion“ wird

Prof. Dr. Inken Prohl

veröffentlicht am 17.05.2026

Inken Prohl ist Religionswissenschaftlerin und Japanologin. Seit 2006 lehrt sie als Professorin für Religionswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. die rezente Religionsgeschichte Deutschlands, Japans und der USA, Religion and Artificial Intelligence sowie Materiale Religion.

KI ist längst Religion geworden – und das nicht, weil Menschen Maschinen anbeten würden. In der Art und Weise, wie über Künstliche Intelligenz (KI) gesprochen und mit ihr umgegangen wird, zeigen sich Strukturen, die eigentlich typisch für Religionen sind. Wenn Sam Altman, CEO von OpenAI, KI als „magische Intelligenz im Himmel“ (Murgia 2023) beschreibt oder Demis Hassabis, CEO von Google DeepMind, sie als Lösung zentraler gesellschaftlicher Probleme umreißt (Perigo 2025), verschiebt sich der Status dieser Technologien vom Werkzeug hin zu einer der Menschheit überlegenen Instanz.

In Anlehnung an Mustafa Suleyman, aktuell CEO von Microsoft AI, lässt sich KI als Verfahren beschreiben, Maschinen Fähigkeiten beizubringen, die bislang als den Menschen vorbehalten galten. Mit KI sind gegenwärtig vor allem Formen von Artificial Narrow Intelligence (ANI) gemeint: Technologien, die auf menschliche Anweisung spezifische Aufgaben bearbeiten können – etwa Texte generieren oder Bilder erkennen (Suleyman und Bhaskar 2023). Hinzu kommt die sogenannte Agentische KI. Dabei handelt es sich um Systeme, die nicht nur auf Eingaben reagieren, sondern in einem begrenzten Rahmen eigenständig Ziele verfolgen und Handlungen ausführen können.

Von Artificial Narrow Intelligence und Agentischer KI abermals zu unterscheiden ist Artificial General Intelligence (AGI): Systeme mit generalisierten intellektuellen Fähigkeiten, die der menschlichen Intelligenz entsprechen. Eine solche AGI existiert bislang nicht. Wirksam ist sie dennoch – nicht als technische Realität, sondern als Zukunftsimagination, die prägt, wie gegenwärtig über KI gesprochen wird. Äußerungen führender Akteure der Tech-Industrie, Science-Fiction-Erzählungen und transhumanistische Zukunftsentwürfe beeinflussen sich wechselseitig. Science-Fiction transportiert Bilder überlegener Maschinenintelligenz und autonomer Systeme. Der Transhumanismus überführt solche Bilder in ein Programm technischer Selbstüberschreitung: Menschliche Begrenztheit soll durch technische Entwicklung überwunden werden, etwa im Hinblick auf Krankheit, Altern und Tod. In dieser Konstellation gewinnt die Idee einer technologischen Singularität an Plausibilität. Darunter versteht man einen hypothetischen Zeitpunkt, an dem sich KI eigenständig so stark intellektuell weiterentwickelt, dass sie sich menschlicher Kontrolle und Vorhersagbarkeit entzieht.

Derartige Narrative bilden den Hintergrund von Aussagen führender Akteure der Tech-Industrie. Anstatt sich auf die Beschreibung aktueller KI-Systeme zu beschränken, entwerfen sie Zukunftsvisionen, die KI im Allgemeinen ein besonderes Problemlösungspotenzial und eine überlegene Wirkmacht beimessen. So wird KI-Systemen etwa zugeschrieben, die Grenzen menschlicher Erkenntnis zu überschreiten. Die entsprechenden Narrative reichen bis hin zur Vorstellung, KI könne eine neue Entwicklungsstufe der Menschheit einleiten. An dieser Stelle zeigt sich die religiöse Semantik solcher Erzählmuster: Sie geht weit über die empirisch überprüfbaren Eigenschaften von KI-Technologien hinaus. In ihnen liegt der Ausgangspunkt dessen, was ich als „Künstliche Religion“ bezeichne.

Bevor ich auf die „Künstliche Religion“ zu sprechen komme, ist eine Unterscheidung notwendig: zwischen den Entwicklungen in den Bereichen „KI und Religion“ und „KI als Religion“. Unter KI und Religion lassen sich zwei Felder fassen. Zum einen der Einsatz von KI in bestehenden religiösen Zusammenhängen. Religiöse Institutionen nutzen zum Beispiel Chatbots, um Glaubensfragen zu beantworten, setzen Avatar-Bots für katechetische Zwecke ein oder bereiten Predigten mithilfe von Large Language Models (LLMs) vor. Prayer-Bots generieren individuelle Gebete und verlagern die religiöse Praxis in ein digitales Interface. Zum anderen gehört die theologische Auseinandersetzung mit KI dazu. Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen fragen, was es bedeutet, wenn Maschinen lernen und in begrenztem Rahmen handeln können, und diskutieren Fragen des Bewusstseins, der Verantwortung und des Menschenbildes. In beiden Fällen bleibt KI auf spezifische Religionen bezogen, die schon länger als KI existieren: als Werkzeug religiöser Praxis oder als Gegenstand religiöser Deutung.

Davon unterscheidet sich die Perspektive KI als Religion. Hier steht nicht der Einsatz von KI in bestehenden Religionen im Vordergrund, sondern die Frage, ob im Umgang mit KI selbst religionsanaloge Zuschreibungen entstehen. Voraussetzung für diese Begriffsbildung ist, dass klar ist, was unter Religion verstanden wird. Religion wird hier heuristisch als kulturelle Praxis bestimmt, in der Annahmen wirksam werden, die über empirisch überprüfbare Zusammenhänge hinausgehen und die durch Materialitäten und Praktiken für Menschen plausibel gemacht werden. Auf dieser Grundlage lässt sich argumentieren: Im Umgang mit KI, in den Zuschreibungen an sie und in den mit ihr verbundenen Praktiken bildet sich eine neue Formation heraus, die ich vorläufig als „Künstliche Religion“ bezeichne.

Diese Künstliche Religion entsteht im Zusammenspiel von KI-Narrationen, -Inszenierungen und -Alltagserfahrungen. Die KI-Narrationen sind, wie skizziert, mit religiöser Semantik aufgeladen, denn KI erscheint darin als transformativ und übermenschlich. Solche Zuschreibungen gewinnen durch wiederholte visuelle Darstellungen und alltägliche Praktiken an Plausibilität. Ein visuelles Beispiel ist das sogenannte „AI Creation Meme“: Eine menschliche und eine mechanische Hand berühren sich in Anlehnung an Michelangelos Schöpfungsszene. Das Motiv begegnet uns auf Buchcovern wie auf Unternehmensseiten und präsentiert KI als schöpferische Kraft (Singler 2020). Vergleichbare Muster zeigen sich in Museen und Zukunftsausstellungen, die KI ins Zentrum stellen. Besucherinnen und Besucher bewegen sich dort durch abgedunkelte Räume, in denen leuchtende Netzwerke und große Projektionen die Wahrnehmung dominieren. Während die technischen Prozesse, die die Funktionalität von KI-Systemen ausmachen, unsichtbar bleiben, wird der Eindruck einer Kraft vermittelt, die die Zukunft hervorbringt und Welten gestaltet. Anstatt KI also allgemeinverständlich zu erklären, werden derartige Technologien sinnlich als gestaltende, der menschlichen Vernunft überlegene Instanzen erfahrbar gemacht (Prohl 2025).

Auch im Alltag verfestigen sich Zuschreibungen besonderer Kräfte an KI-Systeme. Millionen Menschen nutzen täglich Sprachmodelle wie ChatGPT, um Texte zu formulieren, Konflikte zu durchdenken oder Entscheidungen vorzubereiten. Sie erleben, dass die Systeme in Sekundenschnelle antworten. Diese Antworten wirken in der Regel kohärent, sachlich und thematisch passend. In der Wiederholung solcher Interaktionen verstärkt sich der Eindruck, dass KI-Systemen außergewöhnliche Kompetenz innewohnt – bis hin zu Zuschreibungen von Allwissenheit. Weil die meisten Menschen ihr Handy ständig bei sich tragen – ob am Küchentisch oder im Auto –, lässt sich jederzeit mit diesen als allwissend wahrgenommenen Instanzen in Kontakt treten. So kann außerdem ein Eindruck von Allgegenwärtigkeit entstehen. Die KI ist also jederzeit verfügbar, reagiert personalisiert und gibt, unabhängig davon, wo man sich befindet, zuverlässig eine Antwort.

Die angenommene besondere Problemlösungskompetenz und Wirkmacht von KI-Systemen werden für viele Nutzerinnen und Nutzer, insbesondere im Umgang mit LLMs, erlebbar. Diese Erfahrung bleibt jedoch nicht auf Sprachmodelle beschränkt. Sie verweist auf ein breiteres Feld von KI-Systemen, Apps, Interfaces und algorithmischen Infrastrukturen, in dem KI als handlungsfähige und orientierungsstiftende Instanz erscheint. Dadurch gewinnen öffentliche KI-Erzählungen, die den Technologien besondere Fähigkeiten zuschreiben, weiter an Plausibilität. Ob als Heilsversprechen oder als apokalyptisches Szenario: In beiden Fällen erscheint KI als Kraft, deren Möglichkeiten weit über gewöhnliche Technik hinausreichen.

Eigenschaften und Fähigkeiten wie besondere Wirkmacht, Allwissenheit, Allgegenwart und übermenschliche Kompetenz wurden bislang vor allem Göttinnen und Göttern oder anderen als transzendent verstandenen Instanzen zugeschrieben. In klassischen religiösen Konstellationen gewinnen solche Annahmen über unsere Körper, Räume, Bilder, Klänge und situative Anordnungen an Plausibilität. Welche Bedeutung ihnen zugestanden wird, hängt von den Deutungspraktiken der Beteiligten ab. Im Umgang mit KI verschieben sich vergleichbare Zuschreibungen auf ein technisch erzeugtes Gegenüber, das auf algorithmischen Prozessen basiert und unmittelbar antwortet.

Damit verändert sich die Konfiguration der Vermittlung, durch die religiöse Beziehungen hergestellt werden. In klassischen religiösen Praktiken wie dem Gebet wenden sich religiöse Akteurinnen und Akteure an Göttinnen, Götter oder andere außerhalb des Menschen stehende Instanzen. Sie formulieren Anliegen, bitten um Orientierung oder erwarten richtungsweisende Zeichen. Ob ein Gebet als beantwortet erfahren wird, hängt von der Deutung der Betenden ab. Sie können Ereignisse, Gefühle, spätere Entwicklungen oder Erfahrungen im Ritual auf die adressierte Instanz beziehen und diese als Antwort verstehen. Bedeutung entsteht hier in der Verbindung von Praxis, Erwartung und Interpretation.

Im Umgang mit LLMs verschiebt sich dieses Verhältnis. Was in religiösen Konstellationen von den Praktizierenden gedeutet werden muss, wird hier als sprachliche Reaktion direkt vom System geliefert. Antworten bedeutet im Fall von LLMs, dass die Systeme eine personalisierte, kontextsensitive und semantisch passende Reaktion erzeugen. Gerade bei persönlichen Fragen oder Zukunftsdeutungen berichten Nutzerinnen und Nutzer, dass sie Antworten von LLMs als so treffsicher erleben, dass sie ihnen wie von einer dem Menschen überlegenen Macht gelenkt erscheinen. Es tritt in den Hintergrund, dass diese Responsivität technisch erzeugt und reproduzierbar ist. Zuschreibungen besonderer Wirkmacht, die aus dem Zusammenspiel von Tech-Narrationen, transhumanistischen Zukunftsbildern, Popkultur und Science-Fiction hervorgehen, bleiben also nicht auf Erzählungen oder Erwartungen beschränkt. Sie werden in konkreten Interaktionen erfahrbar und in diesem Vollzug wiederholt plausibilisiert. Auf diese Weise entsteht algorithmische Autorität: KI liefert nicht nur Vorschläge, sondern übernimmt im Alltag Funktionen, die religiösen Formationen vergleichbar sind. Sie bietet Orientierung und prägt die Erwartungen an die Zukunft.

Nutzerinnen und Nutzer verstehen ihre Interaktionen mit KI in der Regel nicht als religiöse Praxis und bezeichnen sie auch nicht als Religion. Für die analytische Bestimmung ist diese Selbstbezeichnung nicht ausschlaggebend. Zentral ist die Frage, welche Zuschreibungen wirksam werden, wie sie sich stabilisieren und wie sie Handeln orientieren. Bei der Anwendung des Religionsbegriffes auf das neuartige kulturelle Phänomen der sozialen Interaktion mit KI geht es darum, sichtbar zu machen, wie einer technisch erzeugten Instanz übergeordnete Autorität zugeschrieben wird, wie diese Zuschreibung durch wiederholte Praxis an Stabilität gewinnt und welche Folgen sie im Alltag hat.

Religion wird hier grundsätzlich als kulturelles Erzeugnis verstanden: Sie formiert sich dort, wo Annahmen, die über das empirisch Überprüfbare hinausgehen, durch Praktiken, Deutungen und mediale Anordnungen plausibilisiert und stabilisiert werden. Darin liegt eine erste Vergleichbarkeit mit KI, die ebenfalls als kulturelles Erzeugnis aus diskursiven, institutionellen und technischen Bedingungen hervorgeht. Zugleich sind religiöse Formationen material und technisch vermittelt – über Gebetsmühlen, Kirchenräume, Klang, Licht, Bilder oder aufwendig gerahmte Zeremonien. Im Fall der KI tritt eine neue Qualität dieser Vermittlung hinzu: die algorithmisch erzeugte Responsivität. Die Instanz, der hier besondere Wirkmacht zugeschrieben wird, ist einerseits kulturell hervorgebracht, andererseits technisch realisiert; sie erzeugt Antworten, die personalisiert, situationsbezogen und in Echtzeit erscheinen. So wird sie im Vollzug als allzuständig, jederzeit ansprechbar und dem Menschen überlegen erfahren. Menschen lassen KI-Modelle Texte verfassen und Entscheidungen vorbereiten, weil sie deren Antworten als autoritativ interpretieren. Aufgrund derartiger Zuschreibungen lässt sich die KI-Praxis mit religiöser Praxis vergleichen. Was zuvor lediglich religiöse Zuschreibung war, wird hier zu technisch realisierter Performanz.

Die vorgebliche Intelligenz der Maschine bezeichnen wir als künstlich – in Anlehnung daran nenne ich die Religion aus der Maschine „Künstliche Religion“.

Literatur

Murgia, Madhumita. 2023. „OpenAI Chief Seeks New Microsoft Funds to Build ‚Superintelligence‘.“ Financial Times, 13. November 2023. https://www.ft.com/content/dd9ba2f6-f509-42f0-8e97-4271c7b84ded.

Perigo, Billy. 2025. „Google DeepMind CEO Demis Hassabis on AI in the Military and What AGI Could Mean for Humanity.“ TIME, 27. April 2025. https://time.com/7280740/demis-hassabis-interview/.

Prohl, Inken. 2025. „Religionization and World Obfuscation: The Display of Computers, Robots, and Big Data-Based Applications in Museums.“ Religion 55, Nr. 3 (2025): 610–637. https://doi.org/10.1080/0048721X.2025.2502292.

Singler, Beth. 2020. „The AI Creation Meme: A Case Study of the New Visibility of Religion in Artificial Intelligence Discourse.“ Religions 11, Nr. 253 (2020): 1–17. https://doi.org/10.3390/rel11050253.

Suleyman, Mustafa, und Michael Bhaskar. 2023. The Coming Wave: Technology, Power and the Twenty-First Century’s Greatest Dilemma. London: The Bodley Head.