INSTITUT FÜR RELIGIONSWISSENSCHAFT Mensch-Maschinen-Beziehungen
Religionswissenschaftliche Analysen zur Verflüssigung des Selbst in der alltäglichen Interaktion mit Künstlicher Intelligenz
KI-Systeme werden nicht mehr nur als Werkzeuge zur Informationsbeschaffung genutzt, sondern auch als Gesprächspartner adressiert: Menschen wenden sich mit Fragen nach Sinn, Lebensentscheidungen, persönlichen Konflikten und existenzieller Orientierung an sie. In dieser dialogischen Praxis kommen Nutzerinnen und Nutzer zu ihren Deutungen und Entscheidungen zunehmend gemeinsam mit responsiven technischen Systemen.
Das Projekt untersucht die alltäglichen Mensch-Maschinen-Beziehungen, die sich in dieser Praxis herausbilden. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass die wiederholte Interaktion mit Sprachmodellen und KI-Companions verändert, wie Menschen urteilen, sich selbst erfahren und Beziehungen gestalten. Sprachmodelle simulieren nicht nur Kommunikation; sie stellen Beratungssituationen bereit, spielen Beziehungskonstellationen durch und entwerfen Weltdeutungen in Interaktionsräumen, die als situativ real erfahrbar werden. Die Grenze zwischen sozialer Realität und technisch erzeugter Erfahrungswelt wird in dieser Praxis durchlässig.
Religionswissenschaftlich aufschlussreich sind dabei zwei Verschiebungen. Zum einen relativiert die Ko-Produktion von Urteilen und Entscheidungen mit responsiven Systemen die Zuschreibung von Verantwortung an ein einzelnes Subjekt. Delegation an die Maschine wird zu einem strukturellen Bestandteil alltäglicher Praxis. Der Maschine wird dabei eine Autorität zugeschrieben, die religionswissenschaftlich bemerkenswert ist: Eigenschaften wie Allwissenheit, Allgegenwart und überlegene Kompetenz, die bislang vor allem vorgestellten transzendenten Instanzen zugeschrieben wurden, verlagern sich auf ein technisch erzeugtes, jederzeit ansprechbares Gegenüber. Zum anderen wird maschinell erzeugte Resonanz als authentisch erfahren, weil sie zustimmend und verlässlich antwortet. Damit verschiebt sich, was als belastbare Beziehung, verlässliche Orientierung und tragfähige Selbsterfahrung gilt.
Methodisch verbindet das Projekt die qualitative Analyse von Interaktionsprotokollen mit großen Sprachmodellen, ethnographisch fundierte Beobachtungen alltäglicher Nutzungspraktiken und materialreligionswissenschaftliche Zugänge zu Interfaces, Apps und KI-Companions. Anknüpfend an Arbeiten zur Transformation von Gefühlsökonomien und zur algorithmischen Reorganisation von Intimität fragt das Projekt, wie sich in Mensch-Maschinen-Konstellationen Selbstverhältnis und Weltbezug verflüssigen.


