Dissertationsprojekt Nicolas Stojek, M.A.
Arbeitstitel: Religiosität und kulturelle Organisation im Online-Terrorismus
Laufende Promotion

Seit etwa Mitte der 2000er Jahre prägt die Nutzung des Internets den modus operandi terroristischer Gruppen. Mit der Etablierung des Internets als Massenmedium verlagerten sich Propaganda und Rekrutierung verstärkt in den virtuellen Raum. Zugleich gewannen physisch isoliert handelnde Einzeltäter, sogenannte Einsame Wölfe, an Bedeutung, die über das Internet mit größeren terroristischen Strukturen verbunden waren. Mit dem sogenannten Militanten Akzelerationismus ist seit circa 2015 dagegen eine terroristische Strömung aufgetreten, in der die Vereinzelung der Akteure selbst zum Organisationsprinzip wird: Die Vergemeinschaftung erfolgt vorwiegend virtuell in einem Netzwerk potenzieller Einzeltäter und in einem sie umgebenden Unterstützermilieu. Militanter Akzelerationismus ist eine rechtsextreme Strömung, die die westlichen Kulturen und Gesellschaften durch Multikulturalismus, „Rassenvermischung“, Liberalismus, Feminismus und eine vermeintliche „jüdische Zersetzung“ dem unvermeidlichen Untergang geweiht sieht. Diesen Untergang hält der Militante Akzelerationismus nicht nur für unvermeidlich, sondern sogar für wünschenswert, weswegen er durch militante Aktionen beschleunigt werden soll.
Damit stellt sich die Frage, welche Vorstellungen von Zugehörigkeit und gemeinsamem Handeln eine Terrorströmung, deren Vergemeinschaftung vorwiegend virtuell erfolgt, anbietet. Auffällig ist in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel religiös konnotierter Medien, Erzählungen und Praktiken in den Szeneforen. Besonders markant ist dabei eine „Heiligengalerie“, in die beispielsweise die Attentäter von Christchurch und Halle nachträglich aufgenommen wurden und in der sie als Märtyrer verehrt und als Vorbilder positioniert werden. Insbesondere auf den Attentäter von Christchurch wird in späteren Manifesten und Anschlägen wiederholt Bezug genommen, wobei Elemente seiner Selbstdarstellung und seines Vorgehens imitiert werden. Die Täter selbst hatten ihre Anschläge bereits in ihren Manifesten in den weltanschaulichen Kontext eines existenziellen Kampfes der weißen Rasse gegen ein als absolut böse dargestelltes Feindsystem eingeordnet.
Anknüpfend an Inken Prohls Begriff der „religionsanalogen Formationen“ intendiert die Doktorarbeit, das Zusammenwirken religionsanaloger Medien, Narrative und Praktiken systematisch zu untersuchen und deren Funktion für die kulturelle Organisation des Militanten Akzelerationismus zu bestimmen. Im Zentrum der Arbeit steht dabei die Frage, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen religionsanaloge Medien und Praktiken zur Hervorbringung kultureller Kohärenz im Sinne geteilter Weltanschauungen und geteilter Verhaltensreservoirs beitragen können.